Miriam Eisenstadt                 mehr

Am 16. MAi 1943 wurde Click image for a larger view! Die Zentrale Synagoge in der Talmazke Gasse in Warscha demoliert.u
 

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben - Seite 225 und 259 - Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

"Die erfolgreichste, die populärste Figur des Musiklebens im Getto war eine ganz junge schwarzhaarige Frau mit mädchenhafter Anmut, eine Sopranistin, die vor dem Krieg noch niemand kannte: Marysia Ajzensztadt, gerade zwanzig Jahre alt. Die schöne und reizvolle Sängerin debütierte mit Arien von Gluck und Mozart, mit Liedern von Schumann und Brahms. Um ihren Unterhalt zu verdienen, trat sie sehr bald auch in einem Café auf (in den Kaffeehäusern gab es keinen Kaffee, aber in manchen musikalische Darbietungen), wo sie Johann Strauß sang und Franz Lehár. Das Publikum in den täglich überfüllten Café war begeistert - und die Kritik ebenfalls. Kritik? In der Tat: Die von den deutschen Behörden genehmigte, im Warschauer Getto in polnischer Sprache zweimal wöchentlich erscheinende Zeitung "Gazeta Zydowska" veröffentlichte auch Konzertrezensionen. Der Kritiker Viktor Hart, bewunderte  Marysia Ajzensztadt. Ihr Gesang, schrieb er - "zeugt von höchster Kunst, von Maß und Einfachheit, sie hat es in kürzester Zeit zu wahrer Meisterschaft gebracht". Wer war dieser enthusiastische Viktor Hart? Wenn heute sein Name in Zeitgeschichtlichen Büchern auftaucht, dann steht in Klammern ein Fragezeichen oder es heißt: "nicht ermittelt". Doch zwischen uns sei Wahrheit: Ich war es." 
"Aber von den Musikern, die nach Treblinka abtransportiert wurden, ist kein einziger wiedergekommen. Und Marysia Ajzensztadt, die zarte, die wunderbare Sopranistin, die vom ganzen Getto geliebt wurde? jeder war entschlossen, ihr zu helfen, sie zu beschützen, auch jeder Milizionär. Sie geriet auf den "Umschlagplatz", ein Jude, der an diesem Tag dort etwas zu sagen hatte, wollte und konnte sie retten. Aber ihre Eltern waren schon im Waggon - und sie wollte sich nicht von ihnen trennen. Sie versuchte, sich von dem Milizionär, der sie festhielt, loszureißen. Ein SS-Mann beobachtete die Szene und erschoß sie. Andere berichten, sie sei nicht auf dem "Umschlagplatz" umgebracht, sondern von dem SS-Mann in den Waggon nach Treblinka gedrängt und dort vergast worden. Unter denen, die das Getto überlebt haben, gibt es keinen, der sie vergessen hätte."

Click image for a larger view! Ein Mauergürtel 16 km x 3m hat die Juden in dem Warschauer Ghetto von de Außenwelt getrennt.
Click image for a larger view! Die Ruinen der Jüdischen Warschau, der größte jüdische Gemeinde Europas;  auf diesem Gebiet wohnten 1941 ein halber Million JUden. Rechts, die unversehrte katholische Kirche in der Dzilne-Gasse