| Jüdischer Witz und jiddische
Lieder
Kontrast Programm zur ersten "Woche der Brüderlichkeit" in Bayreuth Sonntagsblatt, von Wolfgang Lammel Bayreuth. Vor 37 Jahren war Stuttgart die erste
deutsche Stadt, in der bei einer "Woche der Brüderlichkeit" dem Gespräch
zwischen Christen und Juden neue Türen geöffnet wurden. In diesem
Jahr hat sich erstmals auch ein kleiner Trägerkreis zusammengefunden,
der in der Stadt Bayreuth mit einer eigenen Veranstaltungsreihe religions-
und dem völkerverbindenden Dialog neue Akzente verleihen will.
Nizza Thobi singt Bayreuth
Zum Ausklang der Woche der Brüderlichkeit singt heute abend im
Europasaal des Jugendkulturzentrums an der Äußeren Badstraße
Nizza Thobi jiddische und hebräische Lieder zur Gitarre. Regierungspräsident
Wolfgang Winkler, Schirmherr der Woche der Brüderlichkeit, und Josef
Gothart, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth, werden
zu diesem um 19.30 Uhr beginnenden Liederabend einführende Worte sprechen.
Hinterher besteht bei einem Stehbuffet Gelegenheit zum Gespräch.
Bayreuther "Woche der Brüderlichkeit" endet versöhnlich Montag, 23. März 1987
Bayreuth (epd) - Die wegen ihrer
Programmgestaltung kritisierte
"Woche der Brüderlichkeit in Bayreuth ist mit einem Liederabend der
israelischen Sängerin Nizza Thobi (München) versöhnlich
zu Ende gegangen. Oberfrankens Regierungspräsident Wolfgang Winkler
sagte in einer Ansprache, der sechsköpfige Trägerkreis habe "mit
offenem Herzen und unbefangen" die Begegnung zwischen Juden und Christen
vorbereitet. Dennoch habe es Irrtümer und Irritationen gegeben. "Keiner
der Veranstalter war feige und wollte sich um die Vergangenheit drücken",
sagte Winkler. Niemand zwinge Deutsche und Juden, einander zu lieben. Es
genüge, wenn beide Seiten füreinander Verständnis hätten.
Seine Generation, so meinte Winkler, sei bereit, eine schreckliche Vergangenheit
mit dem Holocaust, ohne Entschuldigung und ohne Trotz" zu akzeptieren.
Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Josef Gothart /Bayreuth),
äußerte seine Freude über die erste "Woche der Brüderlichkeit"
in Bayreuth. In Anspielung auf das Motto der Woche "Suchet der Stadt Bestes"
meinte Gothart: "Das Beste für eine Stadt ist Frieden, Harmonie und
Recht für alle." Im Vorfeld der Veranstaltung hatte es - wie berichtet
- Befremden aufgelöst, dass ein Vortrag jüdischer Sänger
im Dritten Reich nicht ins Programm aufgenommen wurde. Die Sängerin
Nizza Thobi hatte daraufhin erklärt, sie wolle nicht als "Alibi-Jüdin"
in Bayreuth auftreten. Sie stellte in diesem Zusammenhang die Frage, ob
der antisemitische Geist in Bayreuth noch lebe. Für den Trägerkreis
hatten der evangelische Pfarrer Christian Geyer, der stellvertretende Leiter
des internationalen Jugendkulturzentrums, Theo Kinstle, und Axel John von
er Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in einer
gemeinsamen Erklärung betont: "Von einer Woche der Brüderlichkeit
frei von Vergangenheitsbewältigung war nie die Rede."
Woche der Brüderlichkeit ging zu Ende
von Heinz-Jürgen Platthaus Bayreuth. - Mit Nachdruck hat Regierungspräsident Wolfgang Winkler bei der Abschlussveranstaltung der Woche der Brüderlichkeit in Bayreuth am Samstag Abend im Jugendkulturzentrum die in der Öffentlichkeit diskutierte Meinung zurückgewiesen, dass man sich bei der ersten Veranstaltung dieser Art in Bayreuth um die Vergangenheit "herumdrücken" wolle. Unter dem Beifall der rund 300 Gäste, unter ihnen zahlreicher Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und den Kirchen, sagte Winkler, dass weder der Trägerkreis noch der Veranstalter feige gewesen seien; völlig zu Unrecht sei die Behauptung, die Vergangenheit ausklammern zu wollen, aufgestellt worden. Winkler, der die Schirmherrschaft zu dieser Veranstaltung übernommen hatte, vertrat die Auffassung, dass die Woche der Brüderlichkeit in Bayreuth noch keine Routineveranstaltung sei. Respekt zollte er dem Trägerkreis, der in gutem Glauben und mit viel gutem Willen zu einer Bürgerinitiative für diese Sache geworden sei und den die eigenen Aktivitäten fast überrollt hätten. Der Trägerkreis und alle an dieser Woche Beteiligten hätten sich dem Thema genähert, gemeinsam sei ihnen allen die positive Einstellung zu anderen Menschen und anderen Völkern. Wer sich vor der Vergangenheit drücken wolle, veranstalte keine Woche der Brüderlichkeit. In einem solchen Fall hätte er, Winkler, auch die Schirmherrschaft nicht übernommen. Das Verständnis zwischen Deutschen und Juden, so Winkler weiter, sei in den zurückliegenden Jahrhunderten schon schwierig genug gewesen. Wenn man es in den kommenden Jahren verbessern wolle, würde es nicht auslangen, dass Reisegesellschaften durch Israel fahren, um Land und Leute zu entdecken. Auch genüge es nicht, nach dem Sechs-Tage-Krieg an Hitlers Blitzkrieg zu erinnern und Beifall zu klatschen. Die Geschichte aller Betroffenen gelte es nachzuvollziehen und im gemeinsamen Dialog aufzuarbeiten. Letztlich handele es sich um eine Geschichte, die in Holocaust ihren abscheulichsten Höhepunkt erreicht hat. Detailliert schilderte Winkler danach die Geschichte der Juden und sagte, seit 40 Jahren bemühe man sich darum, die Freundschaften mit dem israelischen Volk zu beleben und dessen Standpunkte zu begreifen. Dazu brauche man aber keine ständigen Ermahnungen von außen, da seine Generation von den Erinnerungen nicht mehr loskomme, solange sie lebe. Die junge Generation sei erschüttert gewesen nach dem Holocaust-Film; sie sei für die Verbrechen nicht verantwortlich, wohl aber für die künftigen Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Juden. Diese Jugend dürfe sich nie mehr in den Hass herein treiben lassen. Die Woche der Brüderlichkeit werde hoffentlich zu dem Verstehen beitragen, dass Freiheit und Toleranz wesentliche Elemente des Friedens sind. Axel John vom Trägerkreis hob in seiner Begrüßung besonders die Vielen jungen Besucher dieser Veranstaltung hervor. Nur ihnen könnte es gelingen, in einer Welt, in der Brüderlichkeit kein Fremdwort sei, Frieden zu schaffen. Josef Gothart, Vorsitzender der israelitischen Gemeinde Bayreuth, hielt eine kurze Einführung in die jiddische Sprache und erläuterte die jüdische Volkslieder, die eine lange Tradition aufzuweisen haben. Diese Lieder würden trotz Ermordung von über sechs Millionen Juden weiterleben und auch heute noch gesungen. Mit eben diesen Liedern begeisterte dann Nizza Thobi die Gäste. Sie, die ursprünglich nicht auftreten wollte, weil sie sich als "Alibi-Jüdin des äußeren Scheins wegen" fühlte, klammerte auch Titel nicht aus, deren Texte beispielsweise 1943 in Konzentrationslagern geschrieben wurden. Sie erläuterte jiddische Begriffe, übersetzte Texte ins Deutsche und zog die Gäste in den Gesang mit ein. Betroffenheit oder auch peinliches Schweigen herrschte im Saal, als Nizza Thobi den folgenden jüdischen Witz zum besten gab: "Im Getto bot ein SS-Mann einem Juden die Freilassung an, wenn dieser richtig erkenne, welches Auge des SS-Mannes ein Glasauge ist. Der Jude erkannte das Glasauge mit der Begründung, dass ihn das Auge immer so menschlich anschaue." |