In Bayreuth Streit um erste "Woche der Brüderlichkeit"
Sängerin Nizza Thobi: Ich will mich nicht als Alibi-Jüdin missbrauchen lassen

Frankenpost, Tageszeitung für Oberfranken
10. März 1987
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BAYREUTH. - Das Programm der ersten "Woche der Brüderlichkeit" in Bayreuth steht unter keinem glücklichen Stern. Den Veranstaltern - evangelische Kirche, jüdische Gemeinde und Jugend-Kultur-
Zentrum - wollte ein Vortrag des Bayreuther Schriftstellers Peer Baedeker, der von der Stadt empfohlen wurde, nicht so recht passen. Der frühere Bühnenautor beabsichtigte, unter dem Titel "Eintausend Stimmen - ein Stern" Schicksale jüdischer Sänger im Dritten Reich zu beleuchten und dabei auch die Leidensgeschichte von Solisten der Bayreuther Wagner-Festspiele darzustellen. Diesen Vortrag hatte Baedeker erst kürzlich vor der jüdischen Gemeinde in Berlin gehalten.
  Als dem Schriftsteller mitgeteilt wurde, dass der Trägerkreis der "Woche der Brüderlichkeit" das Programm "nicht mit der leidvollen Problematik des Dritten Reiches belasten will", soll Baedeker erklärt haben: Dafür habe ich kein Verständnis haben. Das können Sie den alten Nazis sagen."
  Die Sängerin Nizza Thobi, die im Rahmen der "Woche" am 14. März in Bayreuth einen Liederabend geben wird, veranlasste die Ablehnung des Baedeker-Vortrags zu einer kritischen Frage: "Bin ich etwa nur als Alibi-Jüdin. als Aushängeschild nur des äußeren Scheins wegen engagiert worden? Dazu will ich mich nicht missbrauchen lassen", erklärte sie gegenüber dem evangelischen Pressedienst /epd). Neben der Absage an Baedeker wird von der in München lebenden Sängerin auch beklagt, dass der angesehenen jüdischen Literaturhändlerin Rachel Salamander keine Möglichkeit eingeräumt worden sei, während der "Woche" wichtige aufklärende Literatur in Bayreuth auszustellen.
  Kritisch äußerte sich Nizza Thobi gegenüber epd auch zu den Ansatzpunkten, die von Initiatoren der "Woche der Brüderlichkeit" geäußert worden sind. So soll der Mitorganisator, der evangelische Gemeinde Pfarrer Christian Geyer, den wir gestern leider nicht erreichen konnten, erklärt haben: "Wir suche eine Begegnung von Juden und Christen, die zumindest beim ersten Mal frei von Vergangenheitsbewältigung und Schuldzuweisungen sein sollte." Dazu Nizza Thobi: "Die Bayreuther müssen wissen, dass ich bei meinem Liederabend von Holocaust singe" Ein Teil ihrer Lieder sei im Ghetto von Wilna entstanden. Auch dürften jiddische Lieder nicht als "niedliche Gesänge" missverstanden werden.

"Kein einfaches Pflaster"
  Dass Bayreuth kein einfaches Pflaster für den Dialog mit Juden ist, weiß Pfarrer Geyer aus eigener Kenntnis. "Wir haben den Eindruck, dass in Bayreuth die Offenheit gegenüber Juden nicht gerade groß ist. Es gibt hier noch viele, die sagen, dass sie Juden nicht mögen", sagte er vor einigen Tagen.
  Auf das historische Umfeld geht auch die Sängerin ein. Gegenüber epd sagte sie, dass es keine Brüderlichkeit ohne Wahrheit gebe, weshalb sie einige Anmerkungen zum Geist mancher Wagnerianer machen müsse, In Bayreuth habe seit 1909 der christliche Rassist Houston Stewart Chamberlain, Wagners Schwiegersohn, gelebt und gewirkt. Er habe Hitler einen "Gottessegen" genannt, die Wagnerianer der zwanziger Jahre hätten Hitler verehrt. Da stellt sich Nizza Thobi die Frage: "Lebt der antisemitische Geist noch?" Und sie zitiert den "Talmud" als wesentliche Quelle jüdischer Lehre: "Wenn wir nicht wissen, woher wir kommen, wissen wir nicht, wohin wir gehen." Sicher sei, dass diese Erkenntnis für alle Menschen gelte. Unter diese Bedingung sage sie "Schalom".
  Der Organisator, der 47 Jahre alte stellvertretende Leiter des Jugend-Kulturzentrums Theo Kinstle. betonte, das Programm solle Einstieg zu einem Dialog über das Schicksal und die Verfolgung jüdischer Mitbürger in Bayreuth sein. "wir wenden uns ganz bewusst sowohl an ältere Menschen, die diese Zeit miterlebt haben, als auch an Jugendliche, die dieses Geschehen nur vom Hörensagen oder aus Büchern kennen. Uns geht es darum, zu einem Dialog zwischen Juden und Christen zu gelangen."
  Als Einstieg zu der Veranstaltungsreihe wird heute um 19.30 Uhr in einem 50 Personen fassenden Saal des Jugend-Kulturzentrums die französische Filmkomödie "Die Abenteuer des Rabbi Jacob" mit Louis de Funès gezeigt. Am Donnerstag Abend steht mit "Exodus" ein anspruchsvolles Filmwerk über den Kampf zur Entstehung des Staates Israel auf dem Programm. Am Freitag um 10.30 Uhr wird ein Bürger von München aus den Roman von Bernt Engelmann "Die Lebensgeschichte und die unfreiwilligen Reisen des Buddy Eichelbaum" lesen. Hinter dem Vortragenden verbirgt sich eben jener Buddy Eichelbaum, der nach geglückter Flucht aus Nazi-Deutschland bei Kriegsende als amerikanischer GI nach Deutschland zurückkehrt und hier geblieben ist.
  Schließlich folgen am Samstagabend der Liederabend mit Nizza Thobi sowie ein Vortrag des Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde in Bayreuth, Josef Gothart.S .W.