BAYREUTH. - Das Programm der ersten "Woche der Brüderlichkeit"
in Bayreuth steht unter keinem glücklichen Stern. Den Veranstaltern
- evangelische Kirche, jüdische Gemeinde und Jugend-Kultur-
Zentrum - wollte ein Vortrag des Bayreuther Schriftstellers Peer Baedeker,
der von der Stadt empfohlen wurde, nicht so recht passen. Der frühere
Bühnenautor beabsichtigte, unter dem Titel "Eintausend Stimmen - ein
Stern" Schicksale jüdischer Sänger im Dritten Reich zu beleuchten
und dabei auch die Leidensgeschichte von Solisten der Bayreuther Wagner-Festspiele
darzustellen. Diesen Vortrag hatte Baedeker erst kürzlich vor der
jüdischen Gemeinde in Berlin gehalten.
Als dem Schriftsteller mitgeteilt wurde, dass der Trägerkreis
der "Woche der Brüderlichkeit" das Programm "nicht mit der leidvollen
Problematik des Dritten Reiches belasten will", soll Baedeker erklärt
haben: Dafür habe ich kein Verständnis haben. Das können
Sie den alten Nazis sagen."
Die Sängerin Nizza Thobi, die im Rahmen der "Woche" am
14. März in Bayreuth einen Liederabend geben wird, veranlasste die Ablehnung des Baedeker-Vortrags zu einer kritischen Frage: "Bin ich
etwa nur als Alibi-Jüdin. als Aushängeschild nur des äußeren
Scheins wegen engagiert worden? Dazu will ich mich nicht missbrauchen lassen", erklärte sie gegenüber dem evangelischen Pressedienst
/epd). Neben der Absage an Baedeker wird von der in München lebenden
Sängerin auch beklagt, dass der angesehenen jüdischen Literaturhändlerin
Rachel Salamander keine Möglichkeit eingeräumt worden sei, während
der "Woche" wichtige aufklärende Literatur in Bayreuth auszustellen.
Kritisch äußerte sich Nizza Thobi gegenüber
epd auch zu den Ansatzpunkten, die von Initiatoren der "Woche der Brüderlichkeit"
geäußert worden sind. So soll der Mitorganisator, der evangelische
Gemeinde Pfarrer Christian Geyer, den wir gestern leider nicht erreichen
konnten, erklärt haben: "Wir suche eine Begegnung von Juden und Christen,
die zumindest beim ersten Mal frei von Vergangenheitsbewältigung und
Schuldzuweisungen sein sollte." Dazu Nizza Thobi: "Die Bayreuther müssen
wissen, dass ich bei meinem Liederabend von Holocaust singe" Ein Teil
ihrer Lieder sei im Ghetto von Wilna entstanden. Auch dürften jiddische
Lieder nicht als "niedliche Gesänge" missverstanden werden.
"Kein einfaches Pflaster"
Dass Bayreuth kein einfaches
Pflaster für den Dialog mit Juden ist, weiß Pfarrer Geyer aus
eigener Kenntnis. "Wir haben den Eindruck, dass in Bayreuth die Offenheit
gegenüber Juden nicht gerade groß ist. Es gibt hier noch viele,
die sagen, dass sie Juden nicht mögen", sagte er vor einigen
Tagen.
Auf das historische Umfeld geht auch die Sängerin ein.
Gegenüber epd sagte sie, dass es keine Brüderlichkeit ohne
Wahrheit gebe, weshalb sie einige Anmerkungen zum Geist mancher Wagnerianer
machen müsse, In Bayreuth habe seit 1909 der christliche Rassist Houston
Stewart Chamberlain, Wagners Schwiegersohn, gelebt und gewirkt. Er habe
Hitler einen "Gottessegen" genannt, die Wagnerianer der zwanziger Jahre
hätten Hitler verehrt. Da stellt sich Nizza Thobi die Frage: "Lebt
der antisemitische Geist noch?" Und sie zitiert den "Talmud" als wesentliche
Quelle jüdischer Lehre: "Wenn wir nicht wissen, woher wir kommen,
wissen wir nicht, wohin wir gehen." Sicher sei, dass diese Erkenntnis
für alle Menschen gelte. Unter diese Bedingung sage sie "Schalom".
Der Organisator, der 47 Jahre alte stellvertretende Leiter des
Jugend-Kulturzentrums Theo Kinstle. betonte, das Programm solle Einstieg
zu einem Dialog über das Schicksal und die Verfolgung jüdischer
Mitbürger in Bayreuth sein. "wir wenden uns ganz bewusst sowohl
an ältere Menschen, die diese Zeit miterlebt haben, als auch an Jugendliche, die dieses Geschehen
nur vom Hörensagen oder aus Büchern kennen. Uns geht es darum,
zu einem Dialog zwischen Juden und Christen zu gelangen."
Als Einstieg zu der Veranstaltungsreihe wird heute um 19.30
Uhr in einem 50 Personen fassenden Saal des Jugend-Kulturzentrums die französische
Filmkomödie "Die Abenteuer des Rabbi Jacob" mit Louis de Funès
gezeigt. Am Donnerstag Abend steht mit "Exodus" ein anspruchsvolles Filmwerk
über den Kampf zur Entstehung des Staates Israel auf dem Programm.
Am Freitag um 10.30 Uhr wird ein Bürger von München aus den Roman
von Bernt Engelmann "Die Lebensgeschichte und die unfreiwilligen Reisen
des Buddy Eichelbaum" lesen. Hinter dem Vortragenden verbirgt sich eben
jener Buddy Eichelbaum, der nach geglückter Flucht aus Nazi-Deutschland
bei Kriegsende als amerikanischer GI nach Deutschland zurückkehrt
und hier geblieben ist.
Schließlich folgen am Samstagabend der Liederabend mit
Nizza Thobi sowie ein Vortrag des Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde
in Bayreuth, Josef Gothart.S .W.
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