Paul Celan 1920-1970
23. 11. 1920 in Tschernowitz, Bukowina geboren 
beging am  20. April 1970 in Paris Selbstmord

Paul Celan

 

 

Jews on their way out of the city of Kiev to the Babi Yar ravine pass corpses lying on the street.

 

 Portrait of two-year-old Mania Halef, a Jewish child who was among the 33,771 persons shot by the SS during the mass executions at Babi Yar.

 

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends 
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts 
wir trinken und trinken 
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng 
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt 
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete 
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei 
er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde 
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz 
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts 
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends 
wir trinken und trinken 
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt 
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete 
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng 

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt 
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingst seine Augen sind blau 
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf 

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts 
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends 
wir trinken und trinken 
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete 
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen 
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland 
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft 
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng 

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts 
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland 
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken 
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau 
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau 
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete 
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft 
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland 

dein goldenes Haar Margarete 
dein aschenes Haar Sulamith 

***

Deathfugue 

Black milk of daybreak we drink it at evening 
we drink it at midday and morning we drink it at night 
we drink and we drink 
we shovel a grave in the air there you won't lie too cramped 
A man lives in the house he plays with his vipers he writes 
he writes when it grows dark to Deutschland your golden hair Margareta 
he writes it and steps out of doors and the stars are all sparkling, he whistles his hounds to come close 
he whistles his Jews into rows has them shovel a grave in the ground 
he commands us to play up for the dance. 

Black milk of daybreak we drink you at night 
we drink you at morning and midday we drink you at evening 
we drink and we drink 
A man lives in the house he plays with his vipers he writes 
he writes when it grows dark to Deutschland your golden hair Margareta 
Your ashen hair Shulamith we shovel a grave in the air there you won't lie too cramped 

He shouts jab the earth deeper you lot there you others sing up and play 
he grabs for the rod in his belt he swings it his eyes are so blue 
jab your spades deeper you lot there you others play on for the dancing 

Black milk of daybreak we drink you at night 
we drink you at midday and morning we drink you at evening 
we drink and we drink 
a man lives in the house your goldenes Haar Margareta 
your aschenes Haar Shulamith he plays his vipers 
He shouts play death more sweetly this Death is a master from Deutschland 
he shouts scrape your strings darker you'll rise then as smoke to the sky 
you'll have a grave then in the clouds there you won't lie too cramped 

Black milk of daybreak we drink you at night 
we drink you at midday Death is a master aus Deutschland 
we drink you at evening and morning we drink and we drink 
this Death is ein Meister aus Deutschland his eye it is blue 
he shoots you with shot made of lead shoots you level and true 
a man lives in the house your goldenes Haar Margarete 
he looses his hounds on us grants us a grave in the air 
he plays with his vipers and daydreams der Tod ist ein Meister aus Deutschland 

dein goldenes Haar Margarete 
dein aschenes Haar Shulamith 
 

Englisch-Übersetzung:
John Felstiner, in: Paul Celan - Poet, Survivor, Jew. New Haven 1995.

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Babij Jar (übersetzt von Paul Celan)
Jewgenij Jewtuschenko  

 

Vorlesefunktion  

Jewgenij Jewtuschenko:
Babij Jar (übersetzt von Paul Celan)

Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang - der eine unbehauene Grabstein.
Mir ist angst.
Ich bin alt heute,
so alt wie das jüdische Volk.
Ich glaube, ich bin jetzt
ein Jude.
Wir ziehn aus Ägyptenland aus, ich zieh mit.
Man schlägt mich ans Kreuz, ich komm um,
und da, da seht ihr sie noch:
die Spuren der Nägel.
Dreyfus, auch er,
das bin ich.
Der Spießer
denunziert mich,
der Philister
spricht mir das Urteil.
Hinter Gittern bin ich.
Umstellt.
Müdgehetzt.
Und bespien.
Und verleumdet.
Und es kommen Dämchen daher, mit Brüsseler Spitzen,
und kreischen und stechen mir ins Gesicht
mit Sonnenschirmchen.
Ich glaube, ich bin jetzt
ein kleiner Junge in Bialystok.
Das Blut fließt über die Diele, in Bächen.
Gestank von Zwiebel und Wodka, die Herren
Stammtisch-Häuptlinge lassen sich gehn.
Ein Tritt! mit dem Stiefel, ich lieg in der Ecke.
Ich fleh die Pogrombrüder an, ich flehe - umsonst.
«Hau den Juden, rette Rußland!» -:
der Mehlhändler hat meine Mutter erschlagen.
Mein russisches Volk!
Internationalistisch
bist du, zuinnerst, ich weiß.
Dein Name ist fleckenlos, aber
oft in Hände geraten, die waren nicht rein;
ein Rasselwort in diesen Händen, das war er.
Meine Erde - ich kenne sie, sie ist gut, sie ist gütig.
Und sie, die Antisemiten, die nieder-
trächtigen, daß
sie großtun mit diesem Namen:
«Bund des russischen Volks»!
Und nicht beben und zittern!
Ich glaube, ich bin jetzt sie:
Anne Frank.
Licht-
durchwoben, ein Zweig
im April.
Ich liebe,
Und brauche nicht Worte und Phrasen.
Und brauche:
daß du mich anschaust, daß ich dich anschau.
Wenig Sichtbares noch,
wenig Greifbares!
Die Blätter - verboten.
Der Himmel - verboten.
Aber einander umarmen, leise,,
das dürfen, das können wir noch.
Sie kommen?
Fürchte dich nicht, was da kommt, ist der Frühling.
Er ist so laut, er ist unterwegs, hierher.
Rück näher...
Mit deinen Lippen. Wart nicht.
Sie rennen die Tür ein?
Nicht sie. Was du hörst, ist der Eisgang,
die Schneeschmelze draußen.
Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras.
Streng, so sieht dich der Baum am,
mit Richter-Augen.
Das Schweigen rings schreit.
Ich nehme die Mütze vom Kopf, ich fühle,
ich werde
grau.
Und bin - bin selbst
ein einziger Schrei ohne Stimme
über tausend und aber
tausend Begrabene hin.
Jeder hier erschossene Greis -:
ich. Jedes hier erschossene Kind -:
ich.
Nichts, keine Faser in mir,
vergißt das je!
Die Internationale —
ertönen, erdröhnen soll sie,
wenn der letzte Antisemit, den sie trägt, diese Erde,
im Grab ist, für immer.
Ich habe kein jüdisches Blut in den Adern.
Aber verhaßt bin ich allen Antisemiten.
Mit wütigem, schwieligem Haß,
so hassen sie mich –
wie einen Juden.
Und deshalb bin ich
ein wirklicher Jude.
(Aus: Paul Celan: Gesammelte Werke. Bd. 5. Übertragungen II. Frankfurt/M. 2000. S. 288ff.)