| Jedem
Goj seinen Fiedler von Ellen Presser |
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Allgemeine
Jüdische Wochenzeitung vom 28. 11. 1993
Seitdem man den jüdischen Mitbürger" als
besonders schützenswerten Artgenossen entdeckt hat, wird auch seinen Bräuchen
und Eigenheiten, seiner Geschichte und Tradition großes Interesse
entgegengebracht. Ja, wirklich. Das Verhältnis von Nachfrage und
Angebot beweist es, jüdische Kultur erlebt - natürlich in bekömmlicher
Dosierung, also einmal jährlich - einen echten Boom.
Falschmünzerei
Während der Tage jüdischer Kultur in Berlin
und Frankfurt, Köln und München brauche die Juden einmal nicht - wie
bei Gedenkveranstaltungen so oft - allein unter sich zu bleiben. Denn da
stören sie ihre Umwelt nicht als stete Trauerklöße, sondern singen
und tanzen und verkörpern die unschätzbare Bereicherung, die die
deutsche Kultur auch gerade den Juden verdankt", wie man etwa in
einer Grußbotschaft der Saarbrücker Tage zur jüdischen Kultur 1993
nachlesen kann. Neben "Dankbarkeit und Scham" sei da
"ebenso wichtig der unverkrampfte, von natürlicher Neugier und
Interesse geprägte Blick auf die Gegenwart". Wie jede falsche Münze
hat auch diese zwei Seiten.
Jüdische Kultur findet weniger auf den singulären Festivals
statt als in der kontinuierlichen Gemeindearbeit oder sollte es
zumindest. Doch wer mag gerne in trockenes nahrhaftes Vollkornbrot beißen,
wenn er ein süßes Stück Torte haben kann?
Öffentlichkeit und Medien reagieren gleich oberflächlich. Zwar
mag es sein, dass eine kurzfristige, aber intensive Begegnung mit jüdischen
Werten die alten Batterien für kurze Zeit wieder auflädt. Amüsement
und Gemeinschaftsgefühl, Information und Verständigung sind gut und
schön. Anzeichen einer hier eigenständigen, wachsenden jüdischen
Kultur sind sie nicht.
Die jüdischen Künstler importiert man immer noch aus dem
Ausland - anstatt den eigenen Nachwuchs zu fördern. Ausverkaufte Säle
und damit die Deckung der Unkosten garantiert das zahlenmäßig
dominierende nichtjüdisch Publikum. Das würde durch die
"Betroffenheitskultur" der Opfer eher vergrault und man setzt
erfolggekrönt mehr und mehr auf israelische Folklore und verträumte
Schtetl-Romantik. Manchmal kann man dann sogar ein todernstes Thema
unterjubeln, wie in München zum Beispiel "Chansons und Satiren aus
Theresienstadt". Das entreißt - wenn auch nur für Augenblicke - Künstler
dem Vergessen, die noch im Angesicht des Todes nicht ihre Gabe verloren
zu schreiben und zu komponieren, zu malen und zu musizieren. Aber machen
wir uns nichts vor: Manch einer wird schon auf den makaberen Gedanken
gekommen sein: ach so schlimm kann's ja im KZ dann nicht gewesen sein.
Folklore-Juden?
So laufen wir
Juden in Deutschland allmählich Gefahr, zu Folklore-Artikeln zu
degenerieren, Staffage für das Amüsement der Spätgeburt-Begnadeten -
ähnlich wie Sinti und Roma hierzulande am liebsten in Form von
Operettenzigeunern wahr- und angenommen werden.
Und die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, dass die jüdische
Kultur verfremdet konserviert wird, wir lebendigen Juden "als Störenfriede
der Erinnerung" - eine zynisch-treffende Formel von Elke Geisel
aufgreifend -
aber keinen Platz mehr haben. Dann endlich stünde gesamtdeutschen
jiddischen Festivals von Gojim für Gojim nichts mehr im Wege.
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| Schweig,
klesmer, schweig ! Von Michael Wuliger |
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Allgemeine
Jüdische Wochenzeitung, August 1994
Hätte man vor ein paar Jahren Kulturbeflissene Leute
hierzulande gefragt, was Klesmer ist, sie hätten mit den Achseln
gezuckt oder vielleicht geglaubt, dass es sich um eine Art Döner-Kebab
handelt. Inzwischen kann das nicht mehr passieren: In Deutschland
grassiert die "Klesmeritis". Kein Tag ohne Klesmer-Konzert -
live oder im Radio; jede Woche neue Klesmer-CDs, inzwischen auch als
Klesmer-Jazz oder - die neueste Narrischkeit - "Klesmer
konzertant".
Und längst werden die Klesmermusikanten nicht mehr
aus Israel oder den USA eingeflogen; es haben sich inzwischen
einheimische, deutsche Klesmergruppen gebildet, die diese Musik mit
einer Inbrunst zelebrieren, wie es nur Leute können, die glauben,
Auschwitz dadurch Wiedergutzumachen, dass sie sich als Juden verkleiden.
Alle lieben Klesmer: Denn wenn die Geigen schluchzen und die Klarinette
klagt, dann ist das Publikum gerührt und denkt mit Nostalgie an die,
wie es am nächsten Tag in der Besprechung in der Zeitung heißt,
"versunkene Welt des Judentums".
Ja, die deutschen lieben ihre Juden - vor allem die
"versunkene". Mit den lebenden tun sie sich zwar etwas
schwerer - aber das ist eine andere Geschichte.
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| Volkstümelei
auf Jiddisch von Jan F. Turner |
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"Freie
Stimme" Zeitung des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in
Deutschland e.V. - März 1994
Das Leben im jüdischen Stetl in Osteuropa erfreut
sich heutzutage größter Beliebtheit. Hieß es früher "lustig ist
das Zigeunerleben", so heißt es heute "Oy gevalt, wie lustig
ist das Stetlleben.." Schauspieler mit angeklebten Pejes, Kaftan
und Kipah tanzen zur wunderbaren Musik des "King of Klezmer"
Giora Feidmann. Sie spielen dem Publikum Dramen und Geschichten einer
Welt vor, die durch den Nationalsozialismus unwiederbringlich vernichtet
wurde.
Nun scheinen auch jene, die den Erinnerungen an die "gute alte
Zeit" des Zweiten Weltkriegs mit seiner un- endlichen Kameradschaft
und den "guten" Aspekte des Nationalsozialismus bisher nie
etwas abgewinnen konnten, ihr Feld gefunden zu haben. Diese können nun
auch in vollem Zügen eine Nostalgie frönen - der der Volkstümelei
auf Jiddisch. Mit einer Wehmutsträne im Auge - schließlich wurde die
Welt des Stetl von deutscher Hand ausradiert - läßt man sich in einer
Vielzahl von Jiddisch-Festival, Theateraufführungen und Filmabenden
eine Welt vorführen, wie sie in Wirklichkeit nie war. Schließlich kann
sich eine ausgerottete nicht wehren.
Wenn der Milchmann Tevje aus Anatefka von Reichtum singt, Giora Feidmann,
Daniel Kempin und Yontef Kelzmermusik und jiddische Lieder spielen,
macht sich der sogenannte "aufgeklärte" Kulturbürger ein
klares Bild von Juden. Juden als Menschen einer geheimnisvollen Welt in
Osteuropa, die trotz ihrer Armut fast immer lustig waren. Auf der
anderen Seite sind Juden für ihn, unterstützt von vielen seriösen
Medien, aber auch die Unterdrücker des palästinensischen Volkes, die
offenbar "nicht aus dem Holocaust gelernt haben". Das einzige,
was diese Leute von Juden wissen, sind diese beide Dinge. Für sie leben
Juden heute nicht mehr in Osteuropa, Deutschland oder anderen europäische
Staaten, sondern nur in Israel. Das dem aber nicht so ist, bleibt still
im Verborgenen. Welche Feste gefeiert werden, wie Juden heute hier in
Deutschland leben und welche Schwierigkeiten sie in der nichtjüdischen
Umwelt haben; niemand klärt auf und korrigiert verfestigte Vorurteile.
Niemand erzählt vom jahrhundertslangen Kampf um soziale und kulturelle
Gleichberechtigung und Anerkennung. Von der strikten Ablehnung,
abgesehen von kleinen rühmlichen Ausnahmen, in ihrer Umwelt. Und
letztlich der finalen Steigerung dieser Ignoranz durch den Holocaust,
der fast alles jüdische Leben in Nord- und Osteuropa austilgte.
50 Jahre nach dem grauenvollsten Massaker in der menschlichen
Geschichtet, interessiert man sich für die jüdische Kultur. Paradox
aber, dass man sich nicht mit lebenden Juden und ihrer Kultur in
Deutschland, sondern mit ihren vernichteten Brüdern und Schwestern in
Osteuropa beschäftigt. Heute scheine vielen das osteuropäische
Judentum repräsentativ für alles Judentum schlechthin zu sein. Eine
tote Kultur lässt sich formen und auf verschiedenste Art und Weise
interpretieren, und niemand kann sich gegen Verfälschung und
Romantisierung wehren. So endet diese gutgemeinte Beschäftigung mit
"dem" Judentum in leeren Volkstümelei auf Jiddisch.
Den hier lebenden Juden aber bleibt nach verblassen dieser
"Mode" die Gewissheit, dass nichtjüdische Menschen jüdische
Menschen immer noch nicht kennen. Denn trotz allen Mitleids mit dem
armen Milchmann Tevje, sind dessen Brüder und Schwestern heute immer
noch Fremde in diesem Land, trotz deutscher Staatsbürgerschaft und
trotz deutscher Sprache.
"Die Stücke wurden sparsam eingerichtet,
es wurde vor allem auf einen allzu folkloristischen Vortrag verzichtet.
Das hebt sich wohltuend ab von dem allzu häufig zu hörenden gutgemeinten
Klesmer- Kitsch, bei dem deutsche Nachgeborene jiddische Musik als
perverse Form der Wiedergutmachung und des Philosemitismus zelebrieren."
ja 24.08.2006
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