18.07.2009  SZ
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Ungleiche Gefährten

Eine monarchistisch-linke Freundschaft als Filmdokument

 

Der spanische Schriftsteller Jorge Semprún meint es ohne jeden Sarkasmus, wenn er sagt, dass er im Konzentrationslager Buchenwald viel gelernt habe. Seine Haft dort sei sein gelebter "Bildungsroman" gewesen, hat er gesagt. Als in einem vergleichbaren Sinne lehrreich erlebte der damals schon mehr als fünfzig Jahre alte Carl-Hans Graf von Hardenberg (1891 bis 1958) das KZ Sachsenhausen. Der ostdeutsche Junker, Besitzer einiger Güter in Brandenburg, war Monarchist, noch nach dem Krieg stand er treu zu den Hohenzollern. Ihre Gegner, die Linken - zumal die Kommunisten - und die Nationalsozialisten, waren seine natürlichen Feinde. Nach Hitlers Machtergreifung legte er alle seine kommunalen Ämter nieder. 1944 beteiligte er sich an der Verschwörung des 20. Juli und wurde anschließend im KZ interniert. Dort begriff er, was eine seiner Töchter gegenüber der Filmemacherin Ilona Ziok mit der abgründig-ungeschickten Formulierung beschreibt: "Kommunisten waren auch Menschen, irgendwo."

Kräfte schonen für die Folter

Graf Hardenberg wurde auf einer Krankenbahre ins KZ eingeliefert: Um der Gefahr zu entgehen, unter der Folter seine Mitverschworenen zu verraten, hatte er vergeblich versucht, sich zu erschießen. In der Krankenbaracke rettete ein inhaftierter Pfleger, ein "Politischer", ihm das Leben. Hardenberg soll ihm gesagt haben: "Wenn wir hier rauskommen, schenke ich dir ein Gut." Worauf der Häftling antwortete: "Ich fürchte, wenn wir hier rauskommen, wirst du keine Güter zu verschenken haben."

Kommunistische Häftlinge waren es, die Hardenberg rieten, wie man die Folter im KZ übersteht: Man muss seine Kräfte schonen und - noble Tapferkeit hin oder her - irgendwann vorgeben, zusammenzubrechen. Kommunisten waren es, die ihm beibrachten, dass es über die größten Klassenbarrieren hinweg Kameradschaft geben kann. Mit einem Mann wurde der Graf besonders vertraut: Fritz Perlitz (1908 bis 1972), mit den Worten seiner Witwe "ein Marxist durch und durch", der "sein Leben der Sache" opferte. Ilona Zioks Film beschreibt diese Freundschaft, die unter zivilen Umständen nicht möglich gewesen wäre und selbst bis ins neue Deutschland hinein hielt. Wie alle ostdeutschen Junker wurde auch Hardenberg nach dem Krieg enteignet. Perlitz war da schon ein Funktionär, der sich dafür einsetzte, das geräumte Land an die Flüchtlinge aus den Ostgebieten zu verteilen.

So sehr der Graf die SED verachtete: Fritz Perlitz war davon ausgenommen. Ihm schrieb er einen herzlichen Brief. Dann gingen beide ihrer Wege, die politischen Umstände ließen es nicht anders zu. Hardenberg übernahm die selbst in den Augen seiner Tochter Reinhild etwas lächerliche, in seinen Augen aber ehrenvolle Aufgabe, Erbtümer der Hohenzollern zu verwalten. Perlitz arbeitete von 1949 an für die Polizei, seine Abteilung wurde später der Stasi angegliedert.

Weil die beiden ungleichen Gefährten vor Jahrzehnten gestorben sind, muss Ilona Ziok ihre Freundschaft aus den Erzählungen der Angehörigen und Weggefährten rekonstruieren. Besonders eindrucksvoll ist die Witwe von Fritz Perlitz, Wally, die anschaulich macht, was es einst bedeutete, Kommunist zu sein. Auch alte Bewohner Neuhardenbergs, Bauern und Funktionäre kommen zu Wort. Wie nebenbei entsteht so ein kleines Gesellschaftsbild der jungen DDR. Auf die künstliche Erzeugung von Dramatik hat die Filmemacherin verzichtet. Eingespielte kommunistische Kampflieder evozieren den Geist der Zeit, nicht falsche Gefühligkeit. Ihre Gespräche führte Ilona Ziok dort, wo die Interviewten zu Hause sind oder es waren. Sie zeigt, dass ein Dokumentarfilm ehrlich gemacht und deshalb fesselnd sein kann. FRANZISKA AUGSTEIN

Der Junker und der Kommunist, Phoenix, Samstag, 22.30 Uhr.