Eine
monarchistisch-linke Freundschaft als Filmdokument
Der spanische Schriftsteller
Jorge Semprún meint es ohne jeden Sarkasmus, wenn er sagt, dass
er im Konzentrationslager Buchenwald viel gelernt habe. Seine Haft
dort sei sein gelebter "Bildungsroman" gewesen, hat er
gesagt. Als in einem vergleichbaren Sinne lehrreich erlebte der
damals schon mehr als fünfzig Jahre alte Carl-Hans Graf von
Hardenberg (1891 bis 1958) das KZ Sachsenhausen. Der ostdeutsche
Junker, Besitzer einiger Güter in Brandenburg, war Monarchist,
noch nach dem Krieg stand er treu zu den Hohenzollern. Ihre
Gegner, die Linken - zumal die Kommunisten - und die
Nationalsozialisten, waren seine natürlichen Feinde. Nach Hitlers
Machtergreifung legte er alle seine kommunalen Ämter nieder. 1944
beteiligte er sich an der Verschwörung des 20. Juli und wurde
anschließend im KZ interniert. Dort begriff er, was eine seiner Töchter
gegenüber der Filmemacherin Ilona Ziok mit der abgründig-ungeschickten
Formulierung beschreibt: "Kommunisten waren auch Menschen,
irgendwo."
Kräfte schonen für die Folter
Graf Hardenberg wurde auf einer
Krankenbahre ins KZ eingeliefert: Um der Gefahr zu entgehen, unter
der Folter seine Mitverschworenen zu verraten, hatte er vergeblich
versucht, sich zu erschießen. In der Krankenbaracke rettete ein
inhaftierter Pfleger, ein "Politischer", ihm das Leben.
Hardenberg soll ihm gesagt haben: "Wenn wir hier rauskommen,
schenke ich dir ein Gut." Worauf der Häftling antwortete:
"Ich fürchte, wenn wir hier rauskommen, wirst du keine Güter
zu verschenken haben."
Kommunistische Häftlinge waren
es, die Hardenberg rieten, wie man die Folter im KZ übersteht:
Man muss seine Kräfte schonen und - noble Tapferkeit hin oder her
- irgendwann vorgeben, zusammenzubrechen. Kommunisten waren es,
die ihm beibrachten, dass es über die größten Klassenbarrieren
hinweg Kameradschaft geben kann. Mit einem Mann wurde der Graf
besonders vertraut: Fritz Perlitz (1908 bis 1972), mit den Worten
seiner Witwe "ein Marxist durch und durch", der
"sein Leben der Sache" opferte. Ilona Zioks Film
beschreibt diese Freundschaft, die unter zivilen Umständen nicht
möglich gewesen wäre und selbst bis ins neue Deutschland hinein
hielt. Wie alle ostdeutschen Junker wurde auch Hardenberg nach dem
Krieg enteignet. Perlitz war da schon ein Funktionär, der sich
dafür einsetzte, das geräumte Land an die Flüchtlinge aus den
Ostgebieten zu verteilen.
So sehr der Graf die SED
verachtete: Fritz Perlitz war davon ausgenommen. Ihm schrieb er
einen herzlichen Brief. Dann gingen beide ihrer Wege, die
politischen Umstände ließen es nicht anders zu. Hardenberg übernahm
die selbst in den Augen seiner Tochter Reinhild etwas lächerliche,
in seinen Augen aber ehrenvolle Aufgabe, Erbtümer der
Hohenzollern zu verwalten. Perlitz arbeitete von 1949 an für die
Polizei, seine Abteilung wurde später der Stasi angegliedert.
Weil die beiden ungleichen Gefährten
vor Jahrzehnten gestorben sind, muss Ilona Ziok ihre Freundschaft
aus den Erzählungen der Angehörigen und Weggefährten
rekonstruieren. Besonders eindrucksvoll ist die Witwe von Fritz
Perlitz, Wally, die anschaulich macht, was es einst bedeutete,
Kommunist zu sein. Auch alte Bewohner Neuhardenbergs, Bauern und
Funktionäre kommen zu Wort. Wie nebenbei entsteht so ein kleines
Gesellschaftsbild der jungen DDR. Auf die künstliche Erzeugung
von Dramatik hat die Filmemacherin verzichtet. Eingespielte
kommunistische Kampflieder evozieren den Geist der Zeit, nicht
falsche Gefühligkeit. Ihre Gespräche führte Ilona Ziok dort, wo
die Interviewten zu Hause sind oder es waren. Sie zeigt, dass ein
Dokumentarfilm ehrlich gemacht und deshalb fesselnd sein kann.
FRANZISKA AUGSTEIN
Der Junker und der Kommunist,
Phoenix, Samstag, 22.30 Uhr.