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Jüdische Allgemeine Nr. 46/04 | 18. November 2004 Zeitgeschehen Unerwünscht Aschaffenburg ließ beim Pogrom-Gedenken jüdische Studenten außen vorvon Moritz Neumann Deutschland hat die Lehren aus der Vergangenheit gezogen, heißt es. Ganz Deutschland?Werfen wir doch mal einen Blick in Richtung Bayern, nach Aschaffenburg.Da hatten ein paar junge Leute aus einem jüdischen Studentenverband die Idee,es könne mit dem Gedenken an die Synagogenbrände vom 9. November 1938 überallund allen wirklich ernst sein und deshalb sei eine gemeinsame Veranstaltung der Erinnerungauch willkommen. Weil doch auch in unseren Ohren diese hehren Politiker-Worte,die bei einschlägigen Veranstaltungen so gern gesprochen werden, glaubhaft nachklingen. Dieses „Wehret den Anfängen“, dieses „Nie wieder“ und dieses „Lasst uns aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen“. Weil es zudem Städte gibt, in denen – mangels jüdischer Masse – das Gedenkenzwangsläufig sehr einseitig ausfällt, suchten die Studenten sich Aschaffenburg aus, um ein Beispiel praktizierter Gemeinsamkeit zu demonstrieren – eben ein gemeinsamesGedenken an die Pogrome 1938. Dabei hatten sie nicht bedacht, dass eseinen kleinen Unterschied gibt zwischen den wohlfeilen Gedenkreden und der rauhenWirklichkeit real existierender Erinnerungsbereitschaft. Deshalb bekamen sie ihre Lektion perSchreiben aus dem Städtischen Kulturamt. Der Oberbürgermeister habe sich „dazu entschieden,alleine zu sprechen und die Feier mit einer Kranzniederlegung, einem Gedenkenund dem abschließenden Kaddisch zu beenden. Ich bitte Sie sehr um Verständnisund bedaure persönlich, dass wir auf Ihre Ansprache verzichten müssen.“ Nein, OberbürgermeisterKlaus Herzog, der sein Kulturamt mitteilen lässt, er habe sich selbstzum Kaddisch entschieden, ist kein Jude. Ob er überhaupt weiß, was das Kaddisch istund ob er es aussprechen kann, spielt keine Rolle. Es stünde ihm gar nicht zu, das Kaddischfür die jüdischen Opfer zu sprechen. Aber wirklich erhellend wird des StadtoberhauptsWeigerung, jungen jüdischen Menschen die Gelegenheit zur aktivenTeilnahme am Gedenken zu gestatten, durch die Erläuterung seines Kulturamts.Wörtlich: „Ich habe ihm (dem Bürgermeister, d. R.) wiedergegeben, dass es Ihnen(den Studenten, d. R) auch darum geht, den wieder aufkommenden Antisemitismusin der arabischen Welt anzusprechen und darauf hinzuweisen, dass Gedenkennur einen Sinn hat, wenn in Gegenwart und Zukunft Lehren aus der unvorstellbarenSchrecknissen des Holocaust gezogen werden.“ Da muss den Oberbürgermeisterdas nackte Entsetzen gepackt haben. Er habe, so wurde offiziell übermittelt, „Bedenken,dass jede Äußerung mit aktuellem Bezug in der Presse aufgegriffen und missverständlichdargestellt wird“. Nach dem Motto: Nur nichts Falsches sagen, es könntewomöglich Islamisten erzürnen. Was lernen wir daraus? Gedenken ist Gedenken,und zwar an Vergangenes. Für aktuelle Bezüge ist da kein Platz. Wie schriebdoch noch das Kulturamt von Aschaffenburg in erfrischender Ehrlichkeit: „Der HerrOberbürgermeister reagiert sehr sensibel auf alles, was er nicht einordnen kann.“ |