
|
|
|
Hanna Krall: Existenzbeweise,- "Dowody
na istnienie" - Verlag Neue Kritik
Im
Warschauer Ghetto wohnte Helena unter der Adresse Pzejazd 1. Der Eingang
war an der Lesznostraße. Im Erdgeschoss befand sich das "Café
der Kunst", in dem Wladyslaw Szlengel seine Gedichte vortrug. Im dritten
Stock lebte der Medizinstudent J.S.. bei seiner Familie. Im vierten Stock
lebte Helena. J.S.. sah sie oft auf der Treppe. Sie war groß, schlank,
hatte ein auffallend blasses Kleid und hatte immer ihr Kind bei sich, das
sie an der Hand hielt. Sie gefiel dem Studenten J.S. nicht. Erstens war
sie zu blass. Zweitens liebte J.S. Maria Ajzenstadt, eine Sängerin,
die man die "Nachtigall des Ghettos" nannte. Sie hatte braune Haare und
ein helles, mädchenhaftes Gesicht. In dem Café "Zum Brunnen"
sang sie Mozart, Gluck, französische Lieder des 17. Jahrhunderts und
Opernarien. (J.S. liebte besonders die Arie aus Madame Butterfly mit dem
wunderbaren, durchdringenden hohen h). Zum Abschluss eines jeden Konzerts
sang sie ein jüdisches Lied: Eli, Eli, lama azavtani... - Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen. Sie schenkte J.S. zwei Fotos.
Auf beiden trug sie dasselbe dunkle Kleid mir einem weißen Kragen
und einer weißen Schleife unter dem Hals. Auf einem ist noch ein
Streifen der italienischen Widmung an J.S. erhalten: T'amo... Marysia.
der ganze Text hatte gelautet: T'amo, per te canto, in te credo - Ich liebe
dich, ich singe für dich, ich glaube an dich...
J.S. Sah Helena meistens abends, wenn er
von Marysia zurückkam, oder morgens, wenn er ins Krankenhaus eilte.
Es hieß, Kaner mache sich um Helena
zu schaffen; er war ein kleiner, volgefressener Typ mit aufgedunsenem Gesicht
und wässrigen Augen. Er machte Geschäfte mit den Deutschen und
hatte viel Einfluss. Wenn er wollte, ließ er eine Person auf
die Liste von Arbeitern einer deutschen Firma setzen, die von den Deportationen
befreite. Wenn er wollte, strich er die Person von der Liste. Die Bezahlung
nahm er in Dollar und Gold. J.S. hatte sein Vermögen gesehen, denn
Kaner hatte ein Stück Leinwand, einen Ledergürtel und einen schmutzigen,
prall gefüllten Beutel gebracht. "Ärzte haben doch eine sichere
Hand", begründete er seine überraschende Bitte, und der Vater,
der Kaner lieber die Bitte nicht abschlagen wollte, nähte ihm die
ganze Nacht lang Dollarnoten und mit Stoff umwickelte Münzen in den
Ledergürtel ein. Als im Juli die Liquidation des Ghettos begann, wohnte
Helena noch in dem Haus an der Lesznostraße. Sie war unverändert
schweigend, düster und hatte die Hand um die der Tochter umklammert.
dann verlor J.S. sie aus den Augen. Sie gab die Nachricht weiter: "Meine
Tochter ist bei den Nonnen." Sie versuchte nicht, sich selber zu retten.
Hatte sie keine Kraft? Hatte sie keine Chance? Wollte sie ihr Leben nicht
Kaner verdanken müssen? Ist sie selbst gegangen, oder haben sie sie
mit Gewalt getrieben? Vielleicht ist sie selbst gegangen. Vielleicht hat
sie an der Cieplastraße - da, wo sie in einer abgeknickten Kreuzung
mit der Grzybowskastraße zusammentrifft, einen Leiterwagen mit einem
Pferd und zwei Polizisten gesehen. Vielleicht hat sie unter den Leuten
auf dem Wagen eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen gesehen, das
ein wenig älter als ihre Tochter war, die schon in Sicherheit bei
den Nonnen war. Vielleicht ist sie auf die Frau zugegangen... Sie war ruhig.
Sie hatte keine Angst. Sie hatte niemanden mehr, um den sie Angst haben
mußte - ihre Eltern waren umgekommen, das Kind war auf der arischen
Seite. Vielleicht hat sie gesagt: "Sie wollen nicht auf den Umschlagplatz,
nicht war? Steigen Sie ab, ich gehe an Ihrer Stelle..." Kaner ist im Warschauer
Ghetto umgekommen, Juden haben ihn getötet. Keiner weiß, wie
Maria Ajzenstadt umgekommen ist. Einer Version zufolge ist sie auf dem
Umschlagplatz erschossen worden, als sie versuchte, ihre Eltern aus einem
Waggon zu ziehen. Einer anderen Version zufolge ist sie zu ihren Eltern
in den Waggon gesprungen und nach Treblinka gefahren. Der Student J.S.
hat den Krieg überlebt und ist ein hervorragender Arzt und Professor
für Medizin geworden. |