Bayreuther erste Woche der Brüderlichkeit 1987

Zur Woche der Brüderlichkeit 1996

Gedenken an Josef Gothart  2001

 

mit Josef Gothart alaw ha'shalom, halach le'olamo be'November 1999
Mit Josef Gothart 29. April 1987

Am 29. April 1987 schrieb Josef Gothart: Sehr geehrte Frau Thobi Zur Erinnerung an die "Woche der Brüderlichkeit 1987 "in Bayreuth übersende ich Ihnen 5 Fotos. Ich bedanke mich nochmals namens der IKG Bayreuth für Ihr Kommen und hervorragenden Auftritt.
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In Bayreuth Streit um erste "Woche der Brüderlichkeit"
Sängerin Nizza Thobi: Ich will mich nicht als Alibi-Jüdin missbrauchen lassen

Frankenpost, Tageszeitung für Oberfranken
10. März 1987
1. Seite mit Foto

BAYREUTH. - Das Programm der ersten "Woche der Brüderlichkeit" in Bayreuth steht unter keinem glücklichen Stern. Den Veranstaltern - evangelische Kirche, jüdische Gemeinde und Jugend-Kultur-
Zentrum - wollte ein Vortrag des Bayreuther Schriftstellers Peer Baedeker, der von der Stadt empfohlen wurde, nicht so recht passen. Der frühere Bühnenautor beabsichtigte, unter dem Titel "Eintausend Stimmen - ein Stern" Schicksale jüdischer Sänger im Dritten Reich zu beleuchten und dabei auch die Leidensgeschichte von Solisten der Bayreuther Wagner-Festspiele darzustellen. Diesen Vortrag hatte Baedeker erst kürzlich vor der jüdischen Gemeinde in Berlin gehalten.
  Als dem Schriftsteller mitgeteilt wurde, dass der Trägerkreis der "Woche der Brüderlichkeit" das Programm "nicht mit der leidvollen Problematik des Dritten Reiches belasten will", soll Baedeker erklärt haben: Dafür habe ich kein Verständnis haben. Das können Sie den alten Nazis sagen."
  Die Sängerin Nizza Thobi, die im Rahmen der "Woche" am 14. März in Bayreuth einen Liederabend geben wird, veranlasste die Ablehnung des Baedeker-Vortrags zu einer kritischen Frage: "Bin ich etwa nur als Alibi-Jüdin. als Aushängeschild nur des äußeren Scheins wegen engagiert worden? Dazu will ich mich nicht missbrauchen lassen", erklärte sie gegenüber dem evangelischen Pressedienst /epd). Neben der Absage an Baedeker wird von der in München lebenden Sängerin auch beklagt, dass der angesehenen jüdischen Literaturhändlerin Rachel Salamander keine Möglichkeit eingeräumt worden sei, während der "Woche" wichtige aufklärende Literatur in Bayreuth auszustellen.
  Kritisch äußerte sich Nizza Thobi gegenüber epd auch zu den Ansatzpunkten, die von Initiatoren der "Woche der Brüderlichkeit" geäußert worden sind. So soll der Mitorganisator, der evangelische Gemeinde Pfarrer Christian Geyer, den wir gestern leider nicht erreichen konnten, erklärt haben: "Wir suche eine Begegnung von Juden und Christen, die zumindest beim ersten Mal frei von Vergangenheitsbewältigung und Schuldzuweisungen sein sollte." Dazu Nizza Thobi: "Die Bayreuther müssen wissen, dass ich bei meinem Liederabend von Holocaust singe" Ein Teil ihrer Lieder sei im Ghetto von Wilna entstanden. Auch dürften jiddische Lieder nicht als "niedliche Gesänge" missverstanden werden.


Nizza Thobi



Jüdischer Witz und jiddische Lieder
Kontrast Programm zur ersten "Woche der Brüderlichkeit"  in Bayreuth

Sonntagsblatt, von Wolfgang Lammel

Bayreuth. Vor 37 Jahren war Stuttgart die erste deutsche Stadt, in der bei einer "Woche der Brüderlichkeit" dem Gespräch zwischen Christen und Juden neue Türen geöffnet wurden. In diesem Jahr hat sich erstmals auch ein kleiner Trägerkreis zusammengefunden, der in der Stadt Bayreuth mit einer eigenen Veranstaltungsreihe religions- und dem völkerverbindenden Dialog neue Akzente verleihen will.
"Wir wollen nicht in der üblichen Art anfangen, nicht beim Holocaust, sondern mit einem positiven Einstieg", sagte dazu der evangelische Pfarrer Christian Geyer von der Bayreuther Epiphaniasgemeinde, Mitglied des sechsköpfigen Planungskreises. Nach seinen Beobachtungen schreckt ein Programm, das schwerpunktmäßig die Geschichte der Juden im Dritten Reich behandelt, viele Menschen vor dem Besuch ab: "Sie fühlen sich oft angegriffen."
Mit der Bayreuther Veranstaltungsreihe wird deshalb auf doppelte Weise eine "Premiere" versucht: In der ersten lokalen "Woche der Brüderlichkeit" soll sich das jüdische Leben von seiner ernsten und heiteren Seite zeigen. Dazu gibt es mit zwei Filmabenden im Internationalen Jugendkulturzentrum ein echtes Kontrastprogramm: "Die Abenteuer des Rabbi Jacob" mit dem französischen Komiker Louis de Funès in der Titelrolle will am 10. März einen Auftakt "mit viel jüdischem Witz" darstellen, zwei Tage darauf kann sich das Publikum beim Filmklassiker "Exodus" (nach dem Roman von Leon Uris) an die Gründungsgeschichte des Staates Israel erinnern.
Als Schlussveranstaltung ist am 14. März im gleichen Haus ein Abend mit jiddischen und hebräischen Liedern angekündigt: Zu Gast ist die junge israelische Sängerin Nizza Thobi. Zuvor gibt Josef Gothart, Vorsitzender der israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth, eine kurze Einführung in die jiddische Sprache. Alle Veranstaltungen beginnen um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.
Die Vorbereitung, betonte Pfarrer Geyer im Gespräch mit dem Sonntagsblatt, geht auf eine "rein private Initiative" zurück. Entsprechend sparsam musste mit Geldmitteln umgegangen werden. Die Film stellte beispielsweise das Thomas-Dehler-Institut gebührenfrei zur Verfügung.
Die "Woche der Brüderlichkeit" wird seit 1951 alljährlich im März bundesweit von inzwischen 55 Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit veranstalt. Als Dachverband fungiert ein Deutscher Koordinierungsrat, der seit 1970 auch ein Jahresthema vorgibt. Für 1987 lautet das Leitwort "Suchet der Stadt Bestes". 1966 wurde erstmals bei einer Eröffnungsfeier zu dieser Woche die "Buber-Rosenzweig-Medaille" für besondere Verdienste um die christlich-jüdische Verständigung verliehen. Preisträger waren in der Vergangenheit unter anderem Helmut  Gollwitzer, Friedrich Dürrematt, Manes Sperber, Gertrud Luckner und Schalom Ben-Chorin.

Nizza Thobi singt

Bayreuth
14./15. März 1987

Zum Ausklang der Woche der Brüderlichkeit singt heute abend im Europasaal des Jugendkulturzentrums an der Äußeren Badstraße Nizza Thobi jiddische und hebräische Lieder zur Gitarre. Regierungspräsident Wolfgang Winkler, Schirmherr der Woche der Brüderlichkeit, und Josef Gothart, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth, werden zu diesem um 19.30 Uhr beginnenden Liederabend einführende Worte sprechen. Hinterher besteht bei einem Stehbuffett Gelegenheit zum Gespräch.
 
 

Bayreuther "Woche der Brüderlichkeit" endet versöhnlich

Montag, 23. März 1987
Bayern/Süddeutsche Zeitung/Nr. 68, Seite 21

Bayreuth  (epd) - Die wegen ihrer Programmgestaltung kritisierte "Woche der Brüderlichkeit in Bayreuth ist mit einem Liederabend der israelischen Sängerin Nizza Thobi (München) versöhnlich zu Ende gegangen. Oberfrankens Regierungspräsident Wolfgang Winkler sagte in einer Ansprache, der sechsköpfige Trägerkreis habe "mit offenem Herzen und unbefangen" die Begegnung zwischen Juden und Christen vorbereitet. Dennoch habe es Irrtümer und Irritationen gegeben. "Keiner der Veranstalter war feige und wollte sich um die Vergangenheit drücken", sagte Winkler. Niemand zwinge Deutsche und Juden, einander zu lieben. Es genüge, wenn beide Seiten füreinander Verständnis hätten. Seine Generation, so meinte Winkler, sei bereit, eine schreckliche Vergangenheit mit dem Holocaust, ohne Entschuldigung und ohne Trotz" zu akzeptieren. Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Josef Gothart /Bayreuth), äußerte seine Freude über die erste "Woche der Brüderlichkeit" in Bayreuth. In Anspielung auf das Motto der Woche "Suchet der Stadt Bestes" meinte Gothart: "Das Beste für eine Stadt ist Frieden, Harmonie und Recht für alle." Im Vorfeld der Veranstaltung hatte es - wie berichtet - Befremden aufgelöst, da ein Vortrag jüdischer Sänger im Dritten Reich nicht ins Programm aufgenommen wurde. Die Sängerin Nizza Thobi hatte daraufhin erklärt, sie wolle nicht als "Alibi-Jüdin" in Bayreuth auftreten. Sie stellte in diesem Zusammenhang die Frage, ob der antisemitische Geist in Bayreuth noch lebe. Für den Trägerkreis hatten der evangelische Pfarrer Christian Geyer, der stellvertretende Leiter des internationalen Jugendkulturzentrums, Theo Kinstle, und Axel John von er Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in einer gemeinsamen Erklärung betont: "Von einer Woche der Brüderlichkeit frei von Vergangenheitsbewältigung war nie die Rede."
 

Woche der Brüderlichkeit ging zu Ende
"Kein Beteiligter war feige"
Regierungspräsident: Wir wollen uns nicht um die Vergangenheit herumdrücken

von Heinz-Jürgen Platthaus

Bayreuth. - Mit Nachdruck hat Regierungspräsident Wolfgang Winkler bei der Abschlussveranstaltung der Woche der Brüderlichkeit in Bayreuth am Samstag abend im Jugendkulturzentrum die in der Öffentlichkeit diskutierte Meinung zurückgewiesen, dass man sich bei der ersten Veranstaltung dieser Art in Bayreuth um die Vergangenheit "herumdrücken" wolle. Unter dem Beifall der rund 300 Gäste, unter ihnen zahlreicher Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und den Kirchen, sagte Winkler, dass weder der Trägerkreis noch der Veranstalter feige gewesen seien; völlig zu Unrecht sei die Behauptung, die Vergangenheit ausklammern zu wollen, aufgestellt worden.

   Winkler, der die Schirmherrschaft zu dieser Veranstaltung übernommen hatte, vertrat die Auffassung, dass die Woche der Brüderlichkeit in Bayreuth noch keine Routineveranstaltung sei. Respekt zollte er dem Trägerkreis, der in gutem Glauben und mit viel gutem Willen zu einer Bürgerinitiative für diese Sache geworden sei und den die eigenen Aktivitäten fast überrollt hätten. Der Trägerkreis und alle an dieser Woche Beteiligten hätten sich dem Thema genähert, gemeinsam sei ihnen allen die positive Einstellung zu anderen Menschen und anderen Völkern. Wer sich vor der Vergangenheit drücken wolle, veranstalte keine Woche der Brüderlichkeit. In einem solchen Fall hätte er, Winkler, auch die Schirmherrschaft nicht übernommen.

   Das Verständnis zwischen Deutschen und Juden, so Winkler weiter,  sei in den zurückliegenden Jahrhunderten schon schwierig genug gewesen. Wenn man es in den kommenden Jahren verbessern wolle, würde es nicht auslangen, dass Reisegesellschaften durch Israel fahren, um Land und Leute zu entdecken. Auch genüge es nicht, nach dem Sechs-Tage-Krieg an Hitlers Blitzkrieg zu erinnern und Beifall zu klatschen. Die Geschichte aller Betroffenen gelte es nachzuvollziehen und im gemeinsamen Dialog aufzuarbeiten. Letztlich handele es sich um eine Geschichte, die in Holocaust ihren abscheulichsten Höhepunkt erreicht hat.

   Detailliert schilderte Winkler danach die Geschichte der Juden und sagte, seit 40 Jahren bemühe man sich darum, die Freundschaften mit dem israelischen Volk zu beleben und dessen Standpunkte zu begreifen. Dazu brauche man aber keine ständigen Ermahnungen von außen, da seine Generation von den Erinnerungen nicht mehr loskomme, solange sie lebe. Die junge Generation sei erschüttert gewesen nach dem Holocaust-Film; sie sei für die Verbrechen nicht verantwortlich, wohl aber für die künftigen Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Juden. Diese Jugend dürfe sich nie mehr in den Hass hereintreiben lassen. Die Woche der Brüderlichkeit werde hoffentlich zu dem Verstehen beitragen, dass Freiheit und Toleranz wesentliche Elemente des Friedens sind.

   Axel John vom Trägerkreis hob in seiner Begrüßung besonders die Vielen jungen Besucher dieser Veranstaltung hervor. Nur ihnen könnte es gelingen, in einer Welt, in der Brüderlichkeit kein Fremdwort sei, Frieden zu schaffen. Josef Gothart, Vorsitzender der israelitischen Gemeinde Bayreuth, hielt eine kurze Einführung in die jiddische Sprache und erläuterte die jüdische Volkslieder, die eine lange Tradition aufzuweisen haben. Diese Lieder würden trotz Ermordung von über sechs Millionen Juden weiterleben und auch heute noch gesungen.

   Mit eben diesen Liedern begeisterte dann Nizza Thobi die Gäste. Sie, die ursprünglich nicht auftreten wollte, weil sie sich als "Alibi-Jüdin des äußeren Scheins wegen" fühlte, klammerte auch Titel nicht aus, deren Texte beispielsweise 1943 in Konzentrationslagern geschrieben wurden. Sie erläuterte jiddische Begriffe, übersetzte Texte ins Deutsche und zog die Gäste in den Gesang mit ein.

   Betroffenheit oder auch peinliches Schweigen herrschte im Saal, als Nizza Thobi den folgenden jüdischen Witz zum besten gab: "Im Getto bot ein SS-Mann einem Juden die Freilassung an, wenn dieser richtig erkenne, welches Auge des SS-Mannes ein Glasauge ist. Der Jude erkannte das Glasauge mit der Begründung, dass ihn das Auge immer so menschlich anschaue."

"Kein einfaches Pflaster"
  Dass Bayreuth kein einfaches Pflaster für den Dialog mit Juden ist, weiß Pfarrer Geyer aus eigener Kenntnis. "Wir haben den Eindruck, dass in Bayreuth die Offenheit gegenüber Juden nicht gerade groß ist. Es gibt hier noch viele, die sagen, dass sie Juden nicht mögen", sagte er vor einigen Tagen.
  Auf das historische Umfeld geht auch die Sängerin ein. Gegenüber epd sagte sie, dass es keine Brüderlichkeit ohne Wahrheit gebe, weshalb sie einige Anmerkungen zum Geist mancher Wagnerianer machen müsse, In Bayreuth habe seit 1909 der christliche Rassist Houston Stewart Chamberlain, Wagners Schwiegersohn, gelebt und gewirkt. Er habe Hitler einen "Gottessegen" genannt, die Wagnerianer der zwanziger Jahre hätten Hitler verehrt. Da stellt sich Nizza Thobi die Frage: "Lebt der antisemitische Geist noch?" Und sie zitiert den "Talmud" als wesentliche Quelle jüdischer Lehre: "Wenn wir nicht wissen, woher wir kommen, wissen wir nicht, wohin wir gehen." Sicher sei, daß diese Erkenntnis für alle Menschen gelte. Unter diese Bedingung sage sie Schalom".
  Der Organisator, der 47 Jahre alte stellvertretende Leiter des Jugend-Kulturzentrums Theo Kinstle. betonte, das Programm solle Einstieg zu einem Dialog über das Schicksal und die Verfolgung jüdischer Mitbürger in Bayreuth sein. "wir wenden uns ganz bewusst sowohl an ältere Menschen, die
diese Zeit miterlebt haben, als auch an Jugendliche, die dieses Geschehen nur vom Hörensagen oder aus Büchern kennen. Uns geht es darum, zu einem Dialog zwischen Juden und Christen zu gelangen."
  Als Einstieg zu der Veranstaltungsreihe wird heute um 19.30 Uhr in einem 50 Personen fassenden Saal des Jugend-Kulturzentrums die französische Filmkomödie "Die Abenteuer des Rabbi Jacob" mit Louis de Funès gezeigt. Am Donnerstag Abend steht mit "Exodus" ein anspruchsvolles Filmwerk über den Kampf zur Entstehung des Staates Israel auf dem Programm. Am Freitag um 10.30 Uhr wird ein Bürger von München aus den Roman von Bernt Engelmann "Die Lebensgeschichte und die unfreiwilligen Reisen des Buddy Eichelbaum" lesen. Hinter dem Vortragenden verbirgt sich eben jener Buddy Eichelbaum, der nach geglückter Flucht aus Nazi-Deutschland bei Kriegsende als amerikanischer GI nach Deutschland zurückkehrt und hier geblieben ist.
  Schließlich folgen am Samstagabend der Liederabend mit Nizza Thobi sowie ein Vortrag des Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde in Bayreuth, Josef Gothart.S.W.



Keine Ehrenbürger mehr
Bayreuth distanziert sich von Hitler und Houston Chamberlain
von Siegfried Woldert

Bayreuth - Das Ehrenbürgerrecht der Stadt Bayreuth für Adolf Hitler und den englischen Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain - des 1927 in Bayreuth verstorbenen Schwiegersohnes von Richard Wagner - stand im Mittelpunkt einer Debatte des Bayreuther Stadtrats. Der einzige Grünen- Stadtrat, Werner Kolb, hatte beantragt, den beiden dieses Ehrenbürgerrecht abzuerkennen und sie aus der Ehrenbürgerliste zu streichen. Außerdem verlangte Kolb die Umbenennung der Chamberlain-Straße in der Bayreuther Gartenstadt am Fuße des Festspielhügels in Henriette-Gottlieb-Straße. Henriette-Gottlieb, die Ende der zwanziger Jahre im Bayreuther Festspielhaus gesungen hat, war als Jüdin später in einem Konzentrationslager ermordet worden.

   Oberbürgermeister Dieter Mronz (SPD) verwies darauf, dass Chamberlain und seiner Frau Eva (geborene Wagner) 1922 und Hitler 1933 vom damaligen Bayreuther Stadtrat das Ehrenbürgerrecht verliehen worden war. Es bestehe kein Zweifel, daß sich der heutige Stadtrat von den Ideen und Untaten dieser beiden Männer distanziere. Rein rechtlich bestehe das Ehrenbürgerrecht für die beiden nicht mehr: "Tote können keine Ehrenbürger sein." Eine Ehrenbürgerliste existiere im Bayreuther Rathaus nicht, so dass auch eine Streichung nicht vorgenommen werde könne.

   Der parteilose Stadtrat Helmut Korn, ehemals CSU, meinte: "Es entsteht der Eindruck, als ob sich die Stadt hier hinter Paragraphen versteckt. Dem Bayreuther Stadtrat stünde es gut an, sich von den damaligen Beschlüssen zu distanzieren." Außerdem monierte Korn, dass das Grab von Eva und Houston Chamberlain auf dem Bayreuther Stadtfriedhof von der Stadt gepflegt werde. 

   Im Namen der SPD-Fraktion vertrat Professor Heinz Tischer die Auffassung: "Wir sollten den Eindruck vermeiden, als wenn wir uns mit juristischen Winkelzügen von einer klaren Entscheidung hinwegschleichen wollten." Er stellte den Antrag: "Der Stadtrat distanziert sich von der seinerzeitigen Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Chamberlain und Hitler. Die beiden Genannten sind nicht mehr Ehrenbürger der Stadt Bayreuth."

   Nach längerer Diskussion stimmte der Stadtrat zunächst einstimmig der Empfehlung des Ältestenausschusses zu: "Der Stadtrat stellt fest, dass das 1922 an Chamberlain und 1933 an Hitler verliehene Ehrenbürgerrecht mit dem Tod der Genannten gegenstandslos geworden und damit erloschen ist." Auch der weitergehende SPD-Antrag, daß man sich von der damaligen Verleihung distanziere, wurde angenommen.

   Über die Umbenennung der Chamberlain-Straße soll der Bauausschuss im Januar entscheiden, nachdem man vorher die in dieser Straße wohnenden Bürger dazu befragt hat.

   Mit der Ehrenbürgerschaftsdebatte wurde auch die besondere Rolle Bayreuths und seiner Festspiele während der NS-Zeit in Erinnerung gerufen: Chamberlain hatte Hitler bereits 1923 in die Familie Wagner eingeführt. Auf Chamberlains Veranlassung hin hatte seine Schwägerin Winifred Wagner im gleichen Jahr dem damals in Landsberg am Lech in Festungshaft sitzenden Hitler das Manuskriptpapier für "Mein Kampf"  geschickt.

 

Vor Leben bebend
Nizza Thobi sang jiddische und hebräische Lieder

6. März 1996, Nordbayerischer Kurier
Andreas Gewinner

Die "Woche der Brüderlichkeit" hat nicht gut begonnen: Am Anfang des Konzertes von Nizza Thobi stand das Toten gedenken. Wolfgang Hammon, einer von drei Vorsitzenden der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dem Veranstalter des Konzerts, bat das Publikum in fast vollen Kleinen Haus der Stadthalle, sich im Gedenken an die jüngsten Terroropfer in Israel zu erheben. Sie werden nicht die letzten Toten eines Volkes sein, dem in seiner 1000jährigen Geschichte immer wieder das Lebensrecht abgesprochen wurde.

   "Mir lebn ejbig - wir leben ewig", so war  das Programm von Nizza Thobi überschrieben, wie zum Trotz. Jiddische und hebräische Lieder aus mehreren Jahrhunderten, melancholische und heitere Zeugnisse einer Kultur, die stets von der Vernichtung bedroht war, Ausdruck von Trauer und Hoffnung.

   Es sind geistliche ("Herr, erziehe Deinen Sklaven zu Deinem Willen") und weltliche Lieder, wie "Schön sind die Nächte in Kanaan" von Itzhak Katzenelson, der nie das Gelobte Land gesehen hat, aber von einer Liebe ebendort träumte. Der in Auschwitz ermordet wurde. "Es scheint, als passt es nicht, aber es passt", sagt Nizza Thobi.

   Die heute in München lebende Sängerin ist eine Jüdin wie aus dem Israel-Reiseprospekt, deren gewaltige Stimme im umgekehrten Verhältnis zu ihrer schlanken Erscheinung steht. Die hebräischen Texte, reinste Poesie bekannter und unbekannter Poeten, liest sie auf deutsch vor und lässt mit Erläuterungen und Dias das Publikum Anteil nehmen an den Schöpfern ihrer Lieder und ihren Schicksalen. Und in ihrer unkomplizierten Art stellt sie den Zuhörer sich selbst und ihre Familie vor, gibt Einblicke in eine jüdische Biographie nach dem Holocaust: Geboren in Jerusalem am Ölberg, die Mutter spanischstämmige Jüdin, der Vater in englischer Uniform, sie selbst in israelischer Uniform, Sohn David mit Geige. Die musikalische Begleitung ist sparsam, sie spielt Gitarre und wird von Elisabeth Gabler auf der Querflöte begleitet. Mit ihrer Stimme wäre sie auf gar kein Instrument angewiesen. Bei einigen Titeln wird die Klampfe zu einem besseren Perkussionsinstrument degradiert.

   Das Schicksal der Wilnaer Gettos, einst eines der Zentren jüdischen Lebens in Europa, steht im Mittelpunkt vieler Lieder: "Unter Deinen weißen Sternen", ein Lied, das die Widerstandskämpfer in von Deutschen umringten Getto sangen, in den Kampfpausen: "Meine Worte sind Tränen/Sie wollen rasten in Deiner Hand."

   Jiddisch, erläutert sie, diese Mischung aus Deutsch, Hebräisch und Slawisch, ist nicht nur eine Sprache, sondern Lebensanschauung und Weltsicht. Sie ist das "sajdn-hemdl", das Seidenhemd, in dem der Israelit aufwächst, das in sein Leben lang bedeckt und das sein Totenhemd wird. Auch das Burleske, komische, ironische hat seinen Platz in den jiddischen Liedern: So in dem vom Fuhrmann, der sein Hab und Gut vertrinkt und sich mit den Gedanken tröstet, "dass Gott ja noch da ist". Mit Animateurtalent bringt sie das Publikum dazu, sangesmässig am Tempel mitzubauen.

   Lebenslust, Gottvertrauen und Trauer, sie wohnen in vielen Liedern nebeneinander, in chassidischen wie Zigeunerliedern. das Kalb, das zur Schlachtbank geführt wird und sich wünscht, Flügel zu haben, das unvergleichlich gesungene Wiegenlied für ein dreijähriges Kind, das seine Mutter verlor. - Flüchtige Zeugnisse unzähliger Toter. mit Asche und Rauch in den Himmel über den Lagern geschrieben, dargeboten von einer Frau, vor Leben bebend.

 

"Nicht am furchbaren Ende anfangen"
Trägerkreis rechtfertigt Konzept der Bayreuther "Woche der Brüderlichkeit"

Bayern-SZ, 12. März 1987, von Siegfried Woldert

Bayreuth (Eigener Bericht) - Die von einem "Trägerkreis" gestartete "Woche der Brüderlichkeit" im Internationalen Jugendkulturzentrum in Bayreuth bemüht sich, wie der stellvertretende Leiter des Zentrums, Theo Kinstle, betont, um einen Dialog zwischen alten und jungen Menschen, zwischen Christen und Juden. Durch den Hinweis bei der Ankündigung dieser Veranstaltungsreihe, man wolle "keine Vergangenheitsbewältigung" betreiben, waren die Organisatoren in die Schusslinie öffentlicher Kritik geraten. Ihnen war vorgehalten worden, sie scheuten die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen während der Zeit des Nationalsozialismus. So hat, wie berichtet, der Bayreuther Schriftsteller und Bühnenautor Peer Baedecker den Veranstaltern per Einschreiben mitgeteilt, dass er seinen Vortrag "Eintausend Stimmen - ein Stern", der sich mit dem Schicksal jüdischer Sänger befassen sollte, im Bayreuther Jugendkulturzentrum "natürlich nicht halten werde". Auch die für den kommenden Samstag angekündigte israelische Sängerin Nizza Thobi, die derzeit in München lebt, äußerte sich kritisch und betonte, dass sie sich nicht als "Alibi-Jüdin" für diese Veranstaltung missbrauchen lassen wolle.

Miteinander trauen
   Der Mitinitiator der Woche der Brüderlichkeit". der Bayreuther evangelische Pfarrer Christian Geyer, weist ausdrücklich darauf hin, dass es dem "Trägerkreis" der Veranstaltungen absolut ferngelegen habe, irgendwelche Themen auszugrenzen. Die Sängerin Nizza Thobi habe inzwischen ihre Teilnahme an dem Liederabend am Samstagabend zugesagt.
   Ein weiterer Mitorganisator, Alex John von der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit in Franken, erklärte: "In unserem Trägerkreis für die "Woche der Brüderlichkeit" gibt es natürlich unterschiedliche Meinungen, aber die kann man auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ziel auch durchaus haben." Man bemühe sich darum, bei jungen und älteren Menschen, bei Christen und Juden die Bereitschaft und Fähigkeit zu suchen, miteinander zu trauern, aber sich auch miteinander zu freuen, wobei das Miteinander-Trauern sicherlich das Schwierigere sei.
   Theo Kinstle vom Jugendkulturzentrum bedauert die "Missverständnisse" um die Veranstaltungsreihe in der Öffentlichkeit. Er erklärt: "Uns geht es darum, die Begegnungsfähigkeit für einen Dialog herzustellen." Dialogunfähigkeit und Flucht in die Geschichtslosigkeit gingen Hand in Hand. Um aus dieser Geschichtslosigkeit oder, auch Verdrängung der Geschichte herauszutreten, müsse die Bereitschaft geweckt werden zu erzählen, wie es gekommen sei. "Den Dialog suchen und nach den Motiven fragen, heißt also, nicht am furchtbaren Ende anzufangen", betont Kinstle. dabei werde man meist nur auf Schweigen oder gar Hass stoßen.

Gelächter als Waffe der Hoffnung
   Die letzte Waffe der Hoffnung sei noch immer das Gelächter, zitiert Kinstle einen Philosophen, bevor man zur Eröffnung der "Woche der Brüderlichkeit" den französischen Filmklamauk "Die Abenteuer des Rabbi Jacob" zeigte. Louis de Funès agiert in dem Film als französischer Industrieller, der alles haßt, was nicht französisch und katholisch ist. Er wird dabei durch eine Laune des Schicksals mit einem Rabbiner aus den Vereinigten Staaten verwechselt, der seine Verwandtschaft in Paris besuchen will. Mit einer Diskussion über Fragen der Toleranz wurde der erste Abend der "Woche der Brüderlichkeit" beendet.

"Ich war die Nummer 46809"
Bayreuth: Rywka Gothart feierte ihren achtzigsten Geburtstag

Langärmelige Kleider trägt Rywka Gothart gerne, auch im Sommer. "Es muss nicht jeder meine Nummer sehen, die man mir in Auschwitz mit schwarzer Tusche eintätowiert hat. Danach war ich nicht mehr Rywka Gothart, sondern 46809. Wenn Erwachsene heute die Ziffer sehen, beginnen sie zu tuscheln, Kinder halten sie erst einmal für eine Telefonnummer."
  Dass sie am 15. Juni in Bayreuth, dem Wallfahrtsort des Wagner-Verehrers Hitler, in der Jüdischen Gemeinde ihren achtzigsten Geburtstag feiern durfte, versteht die gebürtige Schlesierin kaum." Es ist ein Wunder, aber wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist, hat der israelische Staatsgründer Ben Gurion einmal gesagt:" Drei Konzentrationslager hat sie überlebt. Warum? "Glück, Hoffnung, Zufall und wie Josef hinzugefügt hat, Glaube."
  Ihr Mann Josef, langjähriger Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth, verstarb im November 1999. Auch er war KZ-Überlebender. Im Warschauer Getto hat das junge Paar geheiratet und Szenen erlebt, gegen die Schindlers Liste harmlos wirkt. Nur durch Zufall fanden sich die Eheleute nach dem Zweiten Weltkrieg wieder. Rywka war vom Roten Kreuz nach Schweden gebracht worden und kam mit einer Rückfahrtkarte nach Bayreuth. Vierundvierzig Jahre sind daraus geworden. "Ich wollte nach Israel oder Amerika, konnte mir anfangs ein Leben in Deutschland nicht vorstellen., weil ich in jedem einen SS-Mann oder eine KZ-Aufseherin sah. Aber als 1949 meine Tochter Sara und später Sohn Felix zur Welt kamen, wollten wir nicht mehr weg." Ein Staatsanwalt und dessen Familie wurden Freunde der Gotharts, selbst mit der Nichte des NS-Gauleiters Hans Schemm war sie gut bekannt. "Ich sah mit ihr im Festspielhaus den Fliegenden Holländer, aber mit Wagner konnte ich wenig anfangen."
  Die Gotharts eröffneten zwei Geschäfte: er einen Blumenhandel, sie ein Textilunternehmen. Materiell geht es der Witwe, Die gerne lacht und Eisessen geht, heute noch leidlich gut. Jetzt will sie noch ein Buch über den Holocaust schreiben; "Es ist meine Pflicht, für die zu reden, die es nicht mehr können. Nachts habe ich oft die Gesichter meiner Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen gesehen, sechzig Verwandte habe ich verloren. Ich habe nicht einmal Fotos von ihnen. Sie haben kein Grab, nur Gedenksteine."
  Die Jüdische Gemeinde, die heute fast nur noch aus Zuwanderern aus der Ländern der GUS besteht, hat Rywka Gothart nach 1947 mit aufgebaut: Ich bin sehr religiös erzogen, aber unter der Naziherrschaft kam mir der Glaube fast abhanden. Ein Prozent in mir sagte noch, dass es einen Gott geben muss. Jetzt sind es wieder einhundert." Besonders froh ist sie darüber, dass Sohn Felix die Nachfolge seines Vaters als Vorsitzender der Gemeinde übernommen hat. Er kümmert sich täglich über seine rüstige Mutter.

  Heimat ist für sie "mit dem Herzen Israel, obwohl ich dort immer nur Touristen war. In Polen sind meine Kindheitserinnerungen. Bayreuth ist mein Zuhause, ich habe mich daran gewöhnt. Auch wenn ich hier immer auf gepackten Koffern gelebt habe." Natürlich gab es  in Oberfranken neben vielen guten Freundschaften mit Nichtjuden für Rywka Gothart auch Begegnungen mit dem gewöhnlichen Antisemitismus: "Das Schlimmste für mich war, dass eines Tages eine Nachbarin zu mir kam und sagte, die KZs seien erst nach dem Krieg aufgebaut worden, um das deutsche Ansehen in den Schmutz zu ziehen, Auschwitz sei gar nicht so schlimm gewesen. 'Was reden Sie da, ich weiß es wirklich besser', fuhr ich die Frau an, mir kamen die Tränen. Aber die Dummheit und der Neid auf der Juden werden nie ganz aussterben." Umso mehr hat sie sich über das Geburtstags-Grußwort des Bayerischen Ministerpräsidenten gefreut, in dem dieser alle Schlussstrichzieher abkanzelte. Edmund Stoiber im Originalton: "Ein Glück für uns nenne ich es, Dass Sie und Ihr Mann nach allem, was Ihnen von Deutschen und im deutschen Namen angetan wurde, sich nicht abgewandt haben, sondern in Bayern die Jüdische Gemeinde Bayreuth wieder aufzubauen geholfen haben. Nur die stete Erinnerung an die Gräuel der Schoa ist das Fundament, auf dem sich Brücken über die Gräben der  Vergangenheit bauen lassen."

Allgemeine vom 21. Juni 2001 - von Manfred Otzelberger